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Geschichte der Naturheilkunde: Von Prießnitz bis heute
Wie aus alten Vorstellungen von der „Heilkraft der Natur" eine Bewegung mit eigenem Namen wurde – und warum das Wort jünger ist als die Praxis.
Die Naturheilkunde wirkt heute oft wie ein ruhiger Gegenpol zum hektischen Alltag. Ihre Geschichte ist aber überraschend jung und zugleich uralt: Der Gedanke, dass die Natur beim Gesundwerden hilft, reicht bis in die Antike zurück – die Bewegung mit diesem Namen entstand erst im 19. Jahrhundert. Dieser Beitrag erzählt, wie beides zusammenkam.
Was ist Naturheilkunde – und wie alt ist sie wirklich?
Naturheilkunde bezeichnet Verfahren, die mit Mitteln der Natur arbeiten – Wasser, Pflanzen, Bewegung, Ernährung, Ruhe – und dabei die Selbstheilungskräfte des Körpers unterstützen wollen. Viele Menschen halten das für eine sehr alte Tradition. Das stimmt für die zugrunde liegende Idee, nicht aber für den Begriff selbst, der erstaunlich spät auftaucht.
Woher stammt der Begriff Naturheilkunde?
Das Wort ist überraschend jung. Der bayerische Militärarzt Lorenz Gleich prägte 1849 die Begriffe „Naturheilkunde" und „Naturheilverfahren" und grenzte sie bewusst von anderen Lehren ab. Die Anwendungen selbst – vor allem Wasserkuren – waren damals längst verbreitet. Der Name kam also erst, als die Bewegung schon Fahrt aufgenommen hatte.
Von der Antike bis zu den Klöstern: die Wurzeln
Lange bevor es den Begriff gab, formulierte die antike Medizin einen Kerngedanken der späteren Naturheilkunde. Der griechische Arzt Hippokrates (etwa 460–370 v. Chr.) setzte auf Diät, Lebensweise und die eigene Widerstandskraft des Körpers. Der römische Arzt Dioskurides beschrieb im ersten Jahrhundert in „De Materia Medica" Hunderte Heilpflanzen – ein Werk, das über 1.500 Jahre nachwirkte.
Im Mittelalter bewahrten und ordneten Klöster dieses Pflanzenwissen. Die Äbtissin Hildegard von Bingen (1098–1179) gilt als bekannte Vertreterin dieser Klostermedizin. In der Renaissance verband Paracelsus (1493–1541) überliefertes Kräuterwissen mit eigenen Beobachtungen. Diese Linien lieferten den Stoff, aus dem im 19. Jahrhundert eine eigene Bewegung wurde.
Was bedeutet die „Heilkraft der Natur"?
Gemeint ist die alte Vorstellung, dass der Körper über eigene Selbstheilungskräfte verfügt und die Aufgabe der Heilkunst vor allem darin besteht, diese zu unterstützen. Hippokrates fasste das als „vis medicatrix naturae" – die heilende Kraft der Natur. Dieser Gedanke zieht sich bis heute wie ein roter Faden durch die Naturheilkunde.
Das 19. Jahrhundert: Prießnitz, Kneipp und die Wasserkur
Der eigentliche Aufbruch begann in Mitteleuropa mit dem Wasser. Der schlesische Landwirt Vincenz Prießnitz (1799–1851) behandelte in Gräfenberg (heute Tschechien) ab 1826 Kranke mit kalten Güssen, Wickeln und Bädern; 1830 erhielt er die Erlaubnis für eine Kaltwasserheilanstalt. Auch die nach Johann Schroth (1798–1856) benannte Schrothkur und die Licht- und Luftbäder Arnold Riklis (1823–1906) stammen aus dieser Zeit.
Am bekanntesten wurde der Pfarrer Sebastian Kneipp (1821–1897) aus Bad Wörishofen. Sein Buch „Meine Wasser-Kur" (1886) wurde in viele Sprachen übersetzt. Kneipp fasste seine Lehre in fünf Säulen zusammen: Wasser, Heilpflanzen, Bewegung, Ernährung und eine geordnete Lebensweise. Zu den Pflanzen, die schon damals geschätzt wurden, gehören viele Klassiker aus unserer Sammlung Heilpflanzen für die Hausapotheke.
Wer gilt als Begründer der modernen Naturheilkunde?
Oft genannt wird Vincenz Prießnitz, ein schlesischer Landwirt, der ab 1826 Kranke mit kaltem Wasser behandelte und 1830 eine Kaltwasserheilanstalt eröffnete. Ebenso bekannt wurde Pfarrer Sebastian Kneipp. Einen einzelnen „Erfinder" gibt es jedoch nicht – die Naturheilkunde entstand aus vielen Strömungen zugleich.
| Person | Lebenszeit | Wofür bekannt |
|---|---|---|
| Vincenz Prießnitz | 1799–1851 | Kaltwasserkuren und Wickel; gilt als Wegbereiter der Hydrotherapie |
| Sebastian Kneipp | 1821–1897 | Wasseranwendungen und die fünf Säulen eines geordneten Lebens |
| Johann Schroth | 1798–1856 | die nach ihm benannte Schrothkur aus Diät und feuchten Wickeln |
| Arnold Rikli | 1823–1906 | Licht- und Luftbäder, die sogenannte atmosphärische Kur |
| Christoph W. Hufeland | 1762–1836 | „Makrobiotik" – die Kunst, das Leben gesund zu verlängern |
TippWer die Geschichte praktisch nachspüren möchte, beginnt am besten klein: Ein warmes Fußbad oder ein kurzer Kneipp-Guss über die Unterarme sind einfache, traditionell genutzte Anwendungen. Achten Sie auf die eigene Verträglichkeit – bei Unsicherheit fragen Sie in einer Apotheke oder bei einer Fachperson nach.
Lebensreform: Naturheilkunde als Bewegung
Im späten 19. Jahrhundert war Naturheilkunde weit mehr als eine Sammlung von Anwendungen. Sie verband sich mit der sogenannten Lebensreform – einem breiten Aufbruch, der als Antwort auf Industrialisierung und Großstadtleben zu einfacher Kost, Bewegung und Naturnähe zurückkehren wollte. Vegetarismus, Freiluft- und Sonnenbäder, alkoholfreies Leben und zahlreiche Vereine gehörten dazu.
Medizinhistoriker wie Karl E. Rothschuh und Uwe Heyll beschreiben diese Bewegung als durchaus streitbar: Sie trat zum Teil in scharfer Abgrenzung zur akademischen Medizin auf und war ideengeschichtlich nicht immer widerspruchsfrei. Der ruhige, achtsame Blick auf den eigenen Lebensstil, den viele heute suchen – siehe Achtsamkeit im Alltag –, hat hier eine seiner Wurzeln.
Warum war Naturheilkunde auch eine Reformbewegung?
Weil sie mehr wollte als Behandlung. Im 19. Jahrhundert verband sie sich mit der Lebensreform, die auf Industrialisierung und Stadtleben mit einer Rückkehr zu einfacher Ernährung, Bewegung und Naturnähe reagierte. Vegetarismus, Freiluftbäder und Vereine gehörten dazu. Naturheilkunde war damit auch ein gesellschaftlicher Aufbruch, nicht nur eine Therapieform.
VorsichtHistorische Anwendungen sind nicht automatisch harmlos: Manche überlieferten Kuren waren streng oder für geschwächte Menschen ungeeignet. Naturheilkunde kann eine ärztliche Behandlung begleiten, ersetzt sie aber nicht. Bei anhaltenden oder ernsten Beschwerden wenden Sie sich an eine Ärztin, einen Arzt oder eine Heilpraktikerin bzw. einen Heilpraktiker; im Notfall wählen Sie den Notruf 112.
Naturheilkunde heute: zwischen Tradition und Forschung
Im 20. Jahrhundert wurde die Bewegung stärker geordnet. In Deutschland regelt seit 1939 das Heilpraktikergesetz, wer außerhalb der Ärzteschaft heilkundlich tätig sein darf. Die klassischen Naturheilverfahren nach Kneipp gelten bis heute als Kern der Naturheilkunde, und 2015 wurde das „Kneippen" in das bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Wie sich die einzelnen Verfahren heute einordnen lassen, vertiefen wir im großen Naturheilkunde-Ratgeber und den zugehörigen Grundlagen-Guides.
Ist Naturheilkunde dasselbe wie Alternativmedizin?
Nicht ganz. Die klassische Naturheilkunde meint die fünf naturgestützten Verfahren rund um Wasser, Pflanzen, Bewegung, Ernährung und Lebensordnung. „Alternativ-" oder „Komplementärmedizin" ist der weitere Oberbegriff, unter den auch andere Richtungen fallen. Die Homöopathie etwa wird historisch meist getrennt betrachtet, auch wenn die Begriffe im Alltag oft vermischt werden.
Ist die Wirkung wissenschaftlich belegt?
Die Studienlage ist gemischt. Für einzelne Heilpflanzen sowie für Bewegungs- und Wasseranwendungen gibt es Hinweise auf einen unterstützenden Nutzen; für manche traditionelle Anwendung fehlen belastbare Belege, und einiges beruht allein auf Überlieferung. Für zugelassene pflanzliche Präparate prüft in Europa ein Fachausschuss die traditionelle Anwendung. Seriöse Naturheilkunde benennt diese Grenzen offen und verspricht keine Heilung.
Häufige Fragen
Wie alt ist die Naturheilkunde?
Als Idee ist sie sehr alt: Schon in der Antike sprach man von der Heilkraft der Natur. Als eigenständige Bewegung mit eigenem Namen entstand die Naturheilkunde jedoch erst im 19. Jahrhundert in Deutschland und Mitteleuropa.
Wer hat den Begriff Naturheilkunde geprägt?
Der bayerische Militärarzt Lorenz Gleich prägte 1849 die Wörter Naturheilkunde und Naturheilverfahren. Die Verfahren selbst, etwa Wasseranwendungen, waren damals schon in Gebrauch. Der Begriff war also jünger als die Praxis.
Wer gilt als Begründer der modernen Naturheilkunde?
Häufig genannt werden der schlesische Landwirt Vincenz Prießnitz, der ab 1826 mit Kaltwasserkuren bekannt wurde, und der Pfarrer Sebastian Kneipp. Beide machten Wasseranwendungen im 19. Jahrhundert populär.
Was sind die fünf Säulen nach Kneipp?
Sebastian Kneipp fasste seine Lehre in fünf Bereichen zusammen: Wasser, Heilpflanzen, Bewegung, Ernährung und eine geordnete Lebensweise. Sie werden bis heute traditionell als Anregung für einen gesunden Alltag genutzt.
Ist Naturheilkunde dasselbe wie Homöopathie?
Nein. Die klassische Naturheilkunde umfasst die fünf naturgestützten Verfahren nach Kneipp. Die Homöopathie zählt historisch zu einer eigenen Richtung und wird in der Fachliteratur meist getrennt von der Naturheilkunde behandelt.
Ist Naturheilkunde wissenschaftlich belegt?
Die Studienlage ist uneinheitlich: Für einige Verfahren gibt es Hinweise, für andere kaum belastbare Belege. Vieles beruht auf Überlieferung. Bei anhaltenden Beschwerden sollten Sie ärztlichen oder heilpraktischen Rat einholen.
Quellen
- Heyll, Uwe: Wasser, Fasten, Luft und Licht. Die Geschichte der Naturheilkunde in Deutschland. Campus Verlag, Frankfurt/New York 2006. ISBN 978-3-593-37955-5.
- Jütte, Robert: Geschichte der Alternativen Medizin. Von der Volksmedizin zu den unkonventionellen Therapien von heute. C. H. Beck, München 1996. ISBN 3-406-40495-2.
- Rothschuh, Karl E.: Naturheilbewegung, Reformbewegung, Alternativbewegung. Hippokrates Verlag, Stuttgart 1983. ISBN 3-7773-0615-0.
- Kneipp, Sebastian: Meine Wasser-Kur. Kösel, Kempten 1886.
- Deutsche UNESCO-Kommission: Kneippen – traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps (Bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes, aufgenommen 2015). unesco.de.
- European Medicines Agency (EMA), Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC): Herbal medicinal products – traditional-use registration. ema.europa.eu.